Nico Nachtrieb
Holz trifft Beton – ein starkes Duo
Nico Nachtrieb hat den Bachelorstudiengang Bauingenieurwesen an der HKA absolviert und anschließend auch seinen Master bei uns gemacht. Seit seiner Ausbildung zum Zimmerer fasziniert ihn der vielseitige Werkstoff Holz, weshalb er sich in seiner Masterthesis, die mit dem Preis der Seeger und Dürr Stiftung ausgezeichnet wurde, mit Holz-Beton-Verbunddecken beschäftigt hat.
HKA: Herr Nachtrieb, welche Vorteile hat es, wenn man Holz und Beton miteinander kombiniert?
Nico Nachtrieb (NN): Holz und Beton bilden im Verbund ein sehr leistungsfähiges System, das die besten Eigenschaften aus beiden Welten vereint. Beton übernimmt die Druckkräfte, während Holz die Zugkräfte aufnimmt. Dadurch kann ein effizienter Querschnitt entstehen, der höhere Tragreserven ermöglicht und gleichzeitig die Verformungen reduziert. Ich fand es super spannend, wie gut diese beiden Materialien zusammenpassen.
In meiner Masterarbeit habe ich im Rahmen einer umfassenden Parameterstudie untersucht, welche Einflussfaktoren das Tragverhalten von Holz-Beton-Verbunddecken maßgeblich bestimmen. Ein Schwerpunkt lag dabei auf dem Vergleich verschiedener Berechnungs- und Modellierungsmethoden. Ziel war es, die jeweiligen Stärken und Grenzen dieser Ansätze systematisch zu bewerten und praxisnahe Empfehlungen für eine nachhaltige Planung abzuleiten.
Können Sie uns ein Beispiel geben?
NN: Ein anschauliches Beispiel betrifft die Ausbildung des Schubverbunds zwischen Holz und Beton. Man könnte einen Verbundträger über zahlreiche Schrauben herstellen, das ist grundsätzlich tragfähig, aber nicht unbedingt nachhaltig.
Eine Alternative sind beispielsweise eingearbeitete Kerven (Anm. d. Red.: Als Kerven bezeichnet man meist rechteckige oder trapezförmige Einschnitte in einem Bauteil, um Material schlüssig zu verbinden) im Holz. Dabei wird die Schubkraft über den formschlüssigen Kontakt zwischen Beton und Holz in der Kerve übertragen. Solche Systeme habe ich anhand verschiedener Parameter durchgerechnet. Außerdem habe ich die CO₂-Äquivalente verglichen und so versucht, eine möglichst tragfähige und nachhaltige Bauart zu entwickeln.
Ein weiterer Vorteil solcher Holz-Beton-Verbundsysteme liegt im hohen Vorfertigungsgrad. Die Deckenelemente können im Werk präzise hergestellt, zur Baustelle transportiert und dort zügig montiert werden. Im modernen Holzbau lassen sich so modulare und effiziente Bauprozesse realisieren.
Welche Rolle spielt Holz als Werkstoff im konstruktiven Ingenieurbau so ganz allgemein?
NN: Holz hat in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen, insbesondere im mehrgeschossigen Holzbau. Das liegt zum einen an den ökologischen Eigenschaften des Materials, zum anderen aber auch am hohen Vorfertigungsgrad und den Möglichkeiten des modularen Bauens. Durch das vergleichsweise geringe Eigengewicht lassen sich effiziente Tragwerke realisieren.
Man darf jedoch nicht unterschätzen, dass der Holzbau eine sehr sorgfältige Planung erfordert. Gerade Details und Anschlüsse spielen eine entscheidende Rolle für das Tragverhalten. Anders als beispielsweise im Stahlbetonbau lassen sich konstruktive Anpassungen auf der Baustelle aufgrund der hohen Vorfertigung nur eingeschränkt vornehmen. Deshalb ist eine durchdachte Vorplanung im Holzbau besonders wichtig.
Wo arbeiten Sie inzwischen?
NN: Ich bin nach dem Studium in der Tragwerksplanung bei der IngenieurGruppe Bauen in Karlsruhe gelandet und arbeite dort an unterschiedlichsten Projekten im Hochbau, aktuell mit einem Schwerpunkt im Massivbau und mit leichten Akzenten im Holzbau, die ab und zu immer wieder durchschimmern.
Ich bin aktuell im Bereich der bautechnischen Prüfung im Hochbau tätig. Das bedeutet, dass ich statische Berechnungen überprüfe. In Deutschland gilt bei größeren Bauvorhaben das Vier-Augen-Prinzip. Ein Büro erstellt die Tragwerksplanung, die anschließend durch einen Prüfingenieur kontrolliert wird. Im Auftrag des Prüfingenieurs prüfe ich die Unterlagen, hinterfrage die statischen Ansätze und führe stichprobenartige Bauüberwachungen durch. Ich lerne dabei sehr viele und sehr unterschiedliche Projekte kennen. Außerdem arbeite ich mit vielen erfahrenen Ingenieuren zusammen, weshalb ich hier auch viel dazulerne.
„Dazulernen“ ist ein gutes Stichwort - Wie gut hat Sie das Studium an der HKA auf Ihren jetzigen Beruf vorbereitet?
NN: Man merkt natürlich, dass es einen Unterschied zwischen Hochschule und Berufspraxis gibt. Das Bauwesen ist ein enorm breites Feld, das man in zehn Semestern nicht vollumfänglich erlernen kann. Ich glaube aber, dass mich die Hochschule sehr gut vorbereitet hat, gerade auch, weil wir viele praxisbezogene Projekte hatten. Da wir teilweise nur zehn oder zwanzig Leute in den Seminaren waren, hatte man außerdem eine sehr gute Beziehung zu den Professoren und viele Gespräche auf Augenhöhe, das war wirklich Gold wert. Die berufliche Praxis zeigt aber immer wieder, dass man noch einiges zu lernen hat, aber genau das ist ja das Schöne am Ingenieurwesen.
Würden Sie nochmal an der HKA studieren?
NN: Ja, hundertprozentig. Also ich fand vor allem den Einstieg nach meiner Lehre sehr gut. Ich hatte beispielsweise ein bisschen Probleme in Mathe und durch die starke Unterstützung, die ich an der Hochschule bekommen habe, war das dann auch alles sehr gut machbar – und heute bin ich in der Tragwerksplanung tätig.
Vielen Dank für das Gespräch!