Hochschule Karlsruhe Hochschule Karlsruhe - University of Applied Sciences
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Mit Wirtschaftsforensik gegen Wirtschaftskriminalität: Neue Konzepte für wirksame Prävention und Aufklärung

Paula Frey hat ihren Master in International Management gemacht. In ihrer Masterarbeit hat sie sich mit der Frage befasst, wie Wirtschaftskriminalität in Unternehmen aufgedeckt und vor allem wirksam verhindert werden kann. Sie entwickelte konkrete Maßnahmen, um Wirtschaftsforensiker auf Unternehmensebene und bei Abschlussprüfungen systematisch einzubinden und damit die Betrugsprävention und -aufklärung nachhaltig zu verbessern. 

HKA: Sie haben Ihren Master an der HKA in International Management gemacht. Wie sind Sie auf diesen Studiengang aufmerksam geworden? 

Paula Frey (PF): Nach meinem Bachelorstudium – Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Controlling & Finance – wollte ich mein Wissen in diesem Bereich vertiefen. Bei der Suche nach passenden Masterstudiengängen bin ich auf den Studiengang International Management an der HKA aufmerksam geworden, insbesondere aufgrund des damaligen Schwerpunkts IFAC (International Finance, Accounting, Controlling & Taxation). Kurz nach meiner Bewerbung wurde diese Vertiefungsrichtung zwar nicht mehr angeboten, jedoch sprach mich auch der Schwerpunkt Digitalisierung sehr an. Zudem hatte ich durch die vorgesehenen Wahlpflichtmodule weiterhin die Möglichkeit, individuelle fachliche Schwerpunkte zu setzen. 

Für die HKA und den Studiengang International Management sprach außerdem die internationale Ausrichtung, die mir nach meinem Bachelor besonders wichtig war. Hinzu kam die kompakte Struktur des dreisemestrigen Masters, die ich ebenfalls sehr ansprechend fand. Da ich bereits im Bachelor die praxisnahe Ausrichtung einer Hochschule für angewandte Wissenschaften schätzen gelernt hatte, war für mich schnell klar, dass ich diesen Weg auch im Master fortsetzen möchte.

Was hat Ihnen am meisten Spaß gemacht oder Sie am meisten beeindruckt bei diesem Studium?  

PF: Besonders gefallen hat mir die große thematische Breite des Studiengangs. Gleichzeitig boten die Wahlpflichtmodule die Möglichkeit, meine Interessen gezielt zu vertiefen und so eigene fachliche Schwerpunkte zu setzen. 

Sehr positiv in Erinnerung geblieben ist mir außerdem die vergleichsweise kleine Gruppengröße in vielen Modulen. Dadurch entstand eine persönliche Lernatmosphäre, die den Austausch untereinander sowie mit den Dozierenden erleichterte und für mich persönlich zu einem sehr nachhaltigen Lernen beigetragen hat.

In Ihrer Masterarbeit haben Sie sich damit beschäftigt, wie Wirtschaftskriminalität in Unternehmen aufgedeckt und vor allem wirksam verhindert werden kann. 1.) Wie lautet der genaue Titel Ihrer Masterarbeit und 2.) wie sind Sie an die Arbeit herangegangen?

PF: 1) Der Titel meiner Masterarbeit lautet: "Die Integration der Forensic Services in das Three Lines-Modell“.
2) Neben einer umfassenden Literaturrecherche habe ich mich für einen qualitativen Forschungsansatz entschieden. Ausgangspunkt der Arbeit war die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Three Lines (of Defense)-Modell, das in vielen Unternehmen einen zentralen Bestandteil des Risikomanagements darstellt und die Grundlage meiner Arbeit bildete. Zudem habe ich die Rollen der Unternehmensseite, der Abschlussprüfung sowie externer Forensic Services im Zusammenhang mit der Prävention, Aufdeckung und dem Umgang mit Wirtschaftskriminalität analysiert. 

Auf Basis der Literatur und eigener konzeptioneller Überlegungen habe ich das bestehende Modell anschließend weiterentwickelt. Dabei wurden Forensic Services sowohl auf Unternehmensseite in die Three Lines als auch in der Abschlussprüfung als eine imaginäre vierte Linie integriert. Ein wesentlicher Bestandteil war zudem die Konzeption eines eigenen Index, der als Bewertungsgrundlage dienen kann, um einzuschätzen, wann und in welchem Umfang eine Integration forensischer Einheiten sinnvoll sein könnte.

Um den Praxisbezug sicherzustellen, habe ich das entwickelte Konzept anschließend mithilfe qualitativer Experteninterviews evaluiert. Dafür führte ich Gespräche mit Expertinnen und Experten aus den Bereichen Abschlussprüfung und Forensic Services sowie mit einer Vertreterin der Unternehmensseite. 

Bei der Auswahl der Interviewpartner konnte ich teilweise auf mein bestehendes berufliches Netzwerk zurückgreifen, das ich durch meine Tätigkeit im Bereich Forensic Investigations und Wirtschaftsprüfung aufgebaut habe. Weitere Experten habe ich gezielt über Publikationen und öffentliche Profile angesprochen. Wichtig war mir dabei, ein möglichst breites Spektrum abzubilden und Personen aus Prüfungs- und Beratungsgesellschaften unterschiedlicher Größenordnungen einzubeziehen. Auf Unternehmensseite habe ich mich ausschließlich auf DAX-40-Unternehmen beschränkt. 

Die Erkenntnisse aus diesen Interviews bildeten schließlich die Grundlage, um das entwickelte Modell weiter anzupassen, zu verfeinern und abschließend kritisch zu würdigen.

Was gab es für Aha-Effekte bei der Arbeit? 

PF: Ein wichtiger Ausgangspunkt meiner Arbeit war die Erkenntnis aus der Literatur, dass die Dunkelziffer wirtschaftskrimineller Fälle nach wie vor sehr hoch ist. Obwohl die Verantwortung für die Vermeidung von Fraud (Betrug) in Deutschland bei den gesetzlichen Vertretern eines Unternehmens liegt, zeigen Studien gleichzeitig, dass in der Öffentlichkeit hohe Erwartungen an Wirtschaftsprüfer hinsichtlich der Aufdeckung solcher Sachverhalte bestehen. In der Praxis werden im Rahmen der Abschlussprüfung jedoch vergleichsweise wenige Fälle tatsächlich identifiziert. Diese Diskrepanz wird als sogenannte Erwartungslücke bezeichnet. 

Ein zentraler Aha-Effekt meiner Arbeit war die Erkenntnis, dass eine stärkere Integration von Forensic Services nicht automatisch zu einer Verringerung dieser Erwartungslücke führen würde. Unter bestimmten Voraussetzungen könnte sie sich sogar vergrößern – etwa dann, wenn die Öffentlichkeit von der Einbindung forensischer Einheiten weiß, dennoch aber bekannt gewordene Fälle nicht durch diese aufgedeckt würden. 

Darüber hinaus wurde deutlich, dass ein wirksamer Umgang mit Wirtschaftskriminalität nicht allein von Unternehmen oder Prüfern abhängt. Gerade im präventiven Bereich sind auch Impulse von regulatorischer Seite erforderlich. Anpassungen und Weiterentwicklungen bestehender Vorschriften sollten daher möglichst vorausschauend erfolgen und nicht erst als Reaktion auf Skandale.

Welche konkreten Maßnahmen konnten Sie entwickeln, um Wirtschaftsforensiker auf Unternehmensebene und bei Abschlussprüfungen systematisch einzubinden und damit die Betrugsprävention und -aufklärung nachhaltig zu verbessern? 

PF: Auf Unternehmensebene liegt ein Schwerpunkt auf der besseren Nutzung und Absicherung interner Kontrollmechanismen. Ein Ansatz ist die Einbindung forensischer Einheiten in Hinweisgebersysteme. Diese können als neutrale Dritte fungieren und beispielsweise Testhinweise in das System einspeisen. So lässt sich in der Praxis überprüfen, ob eingehende Meldungen korrekt bearbeitet werden, Fristen eingehalten werden und die Anonymität der Hinweisgeber tatsächlich gewährleistet ist. 

Darüber hinaus kann das initiale Entgegennehmen von Hinweisen vollständig durch einen unabhängigen externen Dritten erfolgen. Dadurch lassen sich interne Interessenkonflikte reduzieren und zugleich die Hemmschwelle für Meldungen senken. Ergänzend dazu können klassische Compliance-Schulungen durch interaktive, fallbasierte Workshops sowie gezielte Kulturmaßnahmen erweitert werden. Insbesondere die Arbeit mit realitätsnahen Betrugsfällen trägt dazu bei, das Bewusstsein für typische Warnsignale (sogenannte „Red Flags“) zu schärfen. In besonders sensiblen Konstellationen, etwa bei Verdachtsfällen mit Beteiligung des Top-Managements oder bei komplexen Hochrisiko-Fällen, empfiehlt sich zudem die Durchführung unabhängiger Sonderuntersuchungen durch externe Forensic Services, um eine objektive Aufarbeitung sicherzustellen. 

Auch für die Abschlussprüfung ergeben sich aus dem Modell mehrere Ansatzpunkte. Ein zentrales Element ist der von mir entwickelte „Forensic Integration Index“, ein Indikator zur objektiven Einschätzung des betrugsbezogenen Risikoprofils eines Mandanten. Überschreitet dieser einen definierten Schwellenwert, kann dies als Signal dienen, Forensic Services strukturierter in das Prüfungsteam einzubinden. 

Eine solche Einbindung sollte idealerweise schon in der Prüfungsplanung mit gemeinsamen Hintergrundrecherchen sowie einer forensisch geprägten „Fraud Brainstorming“-Diskussion erfolgen, die mit interaktiven Fallstudien-Workshops verknüpft werden kann. Dadurch lässt sich die Prüfung von Beginn an gezielter und risikoorientierter ausrichten. 

Im Bereich der Datenanalyse, insbesondere beim Journal Entry Testing (der softwaregestützten Analyse massenhafter Buchungssätze), können forensische Einheiten Prüfparameter definieren, um ungewöhnliche Transaktionen wie auffällige Stornierungen effizienter zu identifizieren. Unterstützend können digitale Systemanalysen einen detaillierten Soll-Ist-Abgleich von Unternehmensprozessen ermöglichen, um Auffälligkeiten nicht nur stichprobenbasiert, sondern prozessorientiert zu untersuchen. Erhärten sich im Prüfungsverlauf konkrete Verdachtsmomente, wäre es außerdem möglich, durch forensische Einheiten gezielt Befragungen durchführen und die Echtheit von Dokumenten überprüfen zu lassen. 

Insgesamt zielen die vorgeschlagenen Maßnahmen darauf ab, forensische Expertise frühzeitiger und strukturierter in bestehende Prüfungs- und Kontrollprozesse zu integrieren, um sowohl Prävention als auch Aufdeckung von Wirtschaftskriminalität zu stärken.

Arbeiten Sie momentan im Feld Wirtschaftskriminalität, z. B. für die Polizei? 

PF: Derzeit arbeite ich im Bereich Group Compliance bei einem Messdienstleister. In dieser Funktion beschäftige ich mich neben Themen wie Korruption und Bestechung, Kartell- und Wettbewerbsrecht sowie der Vermeidung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung auch mit der Betrugsprävention. 

Mein Aufgabenbereich umfasst sowohl präventive als auch detektive und reaktive Maßnahmen. Zu den präventiven Tätigkeiten zählen beispielsweise die Weiterentwicklung des Compliance-Management-Systems sowie die Konzeption und Durchführung von Workshops. Im detektiven und reaktiven Bereich unterstütze ich zudem bei der Aufklärung von Verdachtsfällen sowie bei der Durchführung interner Ermittlungen (Investigations). Auch wenn ich nicht im behördlichen Umfeld tätig bin, befasse ich mich mit Fragestellungen, die auch einen engen Bezug zur Wirtschaftskriminalität haben. Insofern knüpft meine heutige Tätigkeit inhaltlich auch an die Themen meiner Masterarbeit an.

Was würden Sie jungen Menschen raten, die sich für International Management interessieren?

 PF: Ich würde jungen Menschen raten, sich frühzeitig ein Bild davon zu machen, welche Inhalte sie besonders ansprechen. Der Studiengang ist sehr breit aufgestellt, was einerseits eine Stärke ist, aber gerade zu Beginn des Studiums auch herausfordernd sein kann, wenn man noch nicht weiß, in welche Richtung man sich entwickeln möchte. Deshalb lohnt es sich meiner Meinung nach, die Möglichkeiten zur Spezialisierung früh im Blick zu behalten und im Verlauf des Studiums Veranstaltungen zu wählen, die den eigenen Interessen entsprechen. So lässt sich die breite Ausrichtung des Studiengangs optimal für die persönliche Entwicklung nutzen. Dennoch sollte man sich auch nicht unter Druck setzen. Vieles ergibt sich auch im Laufe der Zeit durch Projekte und praktische Erfahrungen.

Vielen Dank!